Vom Schuhekauf der Doreen K.

Vom Zentith schon Abschied nehmend
Strömend westwärts durch die Gassen,
Fensterläden und Boutiquen,
Wiegen warme Sonnenstrahlen
Geschäft’gen Volkes Einkaufstaschen
Munter ihrem Heim entgegen.

Doch es nähert sich ein Klacken:
Wie ein Holz auf Pflasterstein;
Der Himmel trübt sich, peitscht den Winden
Düst’re kalte Stimmung ein.

Und der Sturm fängt an zu fauchen,
Wartend dass es näher kommt:
Erst der Schuh! – und dann das Wesen:
SIE! – erscheint am Horiziont!

Ein verächtlich‘ Lächeln schwelgt
Höhnisch auf ihr’n blassen Lippen,
Und aus ihren Augen: giftig grün,
Schlagen hasserfüllte Blicke!

Doch ihr Gang so weiblich stolz
Mit gar kerzengradem Rücken
Schreitet sie auf edlen Sohlen,
Die ihre schmalen Füße schmücken.

Und ihr Geist ist wie von Sinnen,
Wird von einem nur bewegt,
Ob in ihrem Lieblingsladen
Es heut‘ neue Schuhe gibt.

Schon der Himmel Blitze schleudert,
Peitscht den Regen ins Gesicht;
Und im Kampf durch Menschenmassen
Ihr die Masse öffnet sich.

Dort auch schon verlockend funkelnd
Teures Leder Glück verheißt,
Doch krit’sche Vorsicht wahrt die Holde
Vor überstürzter Seeligkeit.

Will nicht ungeprüft vertrauen
Was von Ferne wohl erscheint:
Nur zu oft ist doch das Schöne
Ein Zeugnis tiefster Häßlichkeit.

Endlich nun sie angekommen
Und das ersehnte Ziel erreicht
Steht sie nun vor ihrem Laden
Und vor Spannung zittert leicht.

Wagt es noch nicht einzutreten,
Erst wird alles observiert:
Ob von ihr noch unentdeckt
Hier eine Tücke sich verbirgt.

Die Spannung löst‘ in wohl’gem Grausen
Sich auf in ihrem Paradies,
Als mit dem Eintritt in das Heilge
Ihr Lieblingsschuhverkäufer sie begrüßt.

Führt ihr vor gleich all das Neue
So er ihren Anspruch kennt –
Und sie, von ihm stets gut beraten,
Schätzt seine hohe Kompetenz.

Doch will sie erst genaustens prüfen
Jedes einzeln, Stück für Stück:
Kein Detail bleibt hier verborgen
Ihr’m wählerischen Kennerblick.

Aufmerksam sie schreitet ab,
Was im Laden ausgestellt,
Und in Gedanken zu sich spricht
Was von der Auswahl sie heut hält:

„Dort der Absatz: viel zu niedrig!
Da: nur üble Pfuscherei!
Wer soll das denn jemals kaufen?
Und da mein‘ Fuß ich nie setz‘ rein!

Ach‘ welch‘ grausig Los ich trag
Edle Heels zu finden gar so schwer –
Wenn Schuhdesigner ich nur wär:
Die Welt wär dankbar mir dafür!“

Doch da hinten unscheinbar
Im Regal gar gut versteckt
Schlummert leise vor sich hin
Was plötzlich ihr Int’resse weckt.

[…]

… und auch der Himmel lichtet sich:
Im Glück nun ging die Welt zugrunde,
Und wiederkehrt in neuem Licht.

(unvollendet) Leipzig, Dezember 2005