Im Rosengarten

Und so wandle ich erneut durch den Rosengarten
wie jenes Jahr zuvor, und das zurückliegende ebenfalls.
Der Anblick der Rosen ist mir vertraut.

Ihr Duft verströmt die Erinnerung.
Symbolisch liebend lächeln ihre Blüten Herzen,
doch des anderen Herz erfreuen ihre Dornen,
gebohrt in weißes Fleisch
im kalten Saal - auf kalten Marmor.
Wie bittersüß der Geschmack,
ihren Duft zu riechen.

In den verschiedensten Farben strahlt ihre Pracht
jede Schönheit einzeln.
Und doch -  meine Rose ist nicht mehr dabei.
Ihre “Nicht-Nähe” scheint sich immer weiter zu vergrößern,
je mehr ich mich ihr zu nähern versuche.

Die Nähe als Bezug zur Entfernung
läßt mir ihr Lächeln nur noch schemenhaft erscheinen.
Die Einbildung als Bezug zur Nähe
in Konstellation zur Entfernung
gebirt Scheinbilder
aus der Konsequenz meiner Traumwelten.

Und in den Momenten des klaren Blickes
sehe ich sie von Eis umhüllt,
milchigem Glas gleich verzerrt es das Lächeln
ihrer Blüten, Herzen
und auch der Dorn kommt nicht zum Vorschein.

In blinder Sucht packe ich den Rosenstrauch
neben der Arkade meiner Rose.
Kläglich misslingt der Versuch sie zu befreien,
stattdessen, verschmiert von Blut, ihre eisige Umhüllung,
sehe ich meine Hände bluten,
entdecke mein krankes Spiegelbild.

Die Dornen der fremden Rosen hatten sich
an meinem Fleisch ergötzt
- doch die Lust blieb mir verwehrt.

Nur ihre Blüten fielen herab,
bedecken den Pfad durch den Rosengarten,
welcher zugleich sein Ausgang ist.

So wandle ich auf Rosenblüten
im Ausgang der Zukunft des nächsten Jahres entgegen.
Ein weiteres Mal ihn zu betreten
- bleibt ungewiss,
ebenso sein Schicksal.

Vom Anblick aufs Fremdeste ergötzt
flieht mein Schritt dem Ausgang zu.

30. Juni 1997