Im Weiß des Lichts verschwindet jede Angst: die Angst vor der Dunkelheit, vor der Nacht.
Steril wird vom Weiß des Lichts alles klar ausgeleuchtet; jede Ecke, jeder Winkel wird vom weißen Strahl getroffen: nichts bleibt verborgen, nichts bleibt vergessen. Es gibt keine Geheimnisse mehr, keine Verstecke, keine Zuflucht, keine Schatten.
Seit das Weiß des Lichts seine Herrschaft angetreten, und die Dunkelheit besiegt hatte, ließ es einen Raum errichten: einen weißen Raum. Er ward klar, er hatte keine Wände und er wuchs ständig in seiner Ausdehnung: so wie die Herrschaft des Lichts, das nun überall und immer ward.
Das Licht brachte sterile Reinheit; kein Dunkel wurde geduldet, und keine Farbe durfte sein … kein Licht, außer das weiße, zerstrahlte den sich in die Unendlichkeit ausdehnenden Raum, und kein Licht, außer das weiße, blieb in seiner Eigenheit so kalt und nüchtern; fürchtete es doch den rastlos unkontrollierbaren Schein der Vergangenheit, welcher durch sein selbstknechtendes Bewußtsein in die Realität zu dringen versuchte und die konsequente Führung des Lichtes zu erschüttern.
Das Licht befahl zu denken: nachzudenken - es wollte der Logik einen Platz schaffen.
Das Licht durchleutete die Gedanken eines jedes Einzelnen, es drang tief in das Bewußtsein ein. Alles Wissen, jede Emotion, jede Farbnuance kam an den Tag: das Licht hatte die Nacht abgeschafft; aber alle Ergebnisse der freien Überlegungen machte das Licht sich zu eigen, um seine Herrschaft zu festigen.
Das Licht bestrafte jene, die seinen Befehlen nicht folge leisteten, die unlogisch dachten, und handelten - und es bestrafte jene, die Farbe und Dunkelheit in ihrer Seele einen Platz eingeräumt hatten.
Das Licht war unvergänglich und überall: sogar mit geschlossenen Augen konnte man es sehen, auch im Traum war es anwesend; es kontrollierte die Reinheit und Logik der Traumbilder: kein Bunt, und keine Schatten waren erlaubt.
Die Verurteilung und Bestrafung jener, die sich dem Licht widersetzt hatten, erfolgte immer sofort, denn das Licht - das weiße Licht - war Gesetz, Richter und Vollstrecker zugleich: es hatte die Macht; die Macht, die es einst unter großen Opfern an sich gerissen hatte.
Die Abtrünnigen wurden auf einen Kreis geführt, manchmal verblieben sie aber auch am Ort. Das Licht erschien und umhüllte sie so, dass sie nicht mehr zu sehen waren, es durchdrang sie. Als das Licht den Ort verließ, fehlte an dieser Stelle ein einstmals Anwesender: er war im Sog des Lichts verschwunden.
Das weiße Licht hatte eine saubere Art zu töten gefunden: kein rotes Blut, keine Farbe kommt zum Vorschein.
Das weiße Licht konnte seine Herrschafft ungestört fortsetzen.
Schulpforte, ca. 1995