Apple WWDC 2007 - Einschätzung der Keynote und neuer Features in Mac OS X 10.5 Leopard

Wer die gestrige Keynote von Steve Jobs mitverfolgt hat, wird wohl mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einem langen Gesicht zurückgeblieben sein … nicht anders bei mir ;).

Grund dafür waren zweifelsohne die hohen Erwartungen, Wünsche, die Gerüchte im Vorfeld und zu nicht unwesentlichen Teilen die Ankündigung von Steve Jobs auf der MacWorld im Januar, es gäbe noch geheime Features in Mac OS X 10.5 Leopard, die erst zu einem späteren Zeitpunkt enthüllt werden sollten, um der Kopierwut in Redmont Einhalt zu gebieten.
Was er aber gestern präsentierte, unterschied sich NICHT wesentlich von dem, was der Apple-interessierte Leser/Zuhörer schon im Januar zu Gesicht bekam. Was hingegen neu war, war nicht unbedingt schlecht an sich, aber eben auch alles andere als spektakulär:

Eine transparente Menübar und ein grasiger neuer Standardhintergrund weckten - nicht ganz unberechtigt - Assoziationen zu MS Vista. Ein redesigntes und um einige neue Funktionen erweitertes Dock erinnert nun sehr stark an sein Gegenstück aus Suns 3D-Desktop ‘Looking Glass’.
Der Finder wurde ebenfalls um einige Funktionen erweitert, incl. dem schon aus iTunes bekannten Coverflow und es gibt nun eine Vorschaufunktion für die gängigsten Dateitypen.

Worüber hingegen kein Wort verloren wurde, ist die Implementierung des gegenwärtig fortschrittlichsten Dateisystems: Suns ZFS in Leopard. Nach Öffnung desselben unter einer Open Source Lizenz hatte es Berichte über ein Interesse an einer Portierung auf die Mac-Plattform gegeben, sogar in einigen Entwicklerbuilds war es bereits aufgetaucht. Hatten einige gehofft, es würde Apples in die Jahre gekommenes Standard-Dateisystem HFS+ nun in Leopard ablösen, so wurden sie heute sogar von einem ausdrücklichen Dementi seitens Apple kalt erwischt.
Ebenso keinerlei Andeutung über eine mögliche Implementierung eines neuen Treibers, der auch Schreibzugriff auf NTFS formatierte Windows-Partitionen ermöglicht. Im Zuge der Bemühungen um eine problemloses Miteinander der beiden Betriebsysteme auf einem Mac (siehe Bootcamp) wäre solch ein Schritt nur logisch gewesen, zumal es bereits Anstrengungen in diese Richtung gegeben hat, welche auch schon Einzug in die Linux-Welt gehalten haben, welche ja bekanntlich vor dem selben Problem steht.

Lässt man sich oben genanntes einmal auf der Zunge zergehen, kann sich natürlich Enttäuschung breit machen und leicht stellt sich die Frage, ob Apple, nun, da sich der Erfolg mit ungeahnter Wucht eingestellt hat, bequem wird und dem Unternehmen die frischen und innovativen Ideen ausgehen.

Theorie

Meine Theorie ist eine andere. Meine Theorie besagt, dass sich Apple momentan - für seine Größe - etwas übernommen hat.
Schaut man sich noch einmal Technik hinter OS X 10.5 an, so zeigt sich, dass das gesammte Betriebssystem auf 64Bit umgestellt wurde - bei voller Kompatibilität zu bestehenden 32Bit-Anwendungen!!! Eine Aufgabe, die man nicht einfach mal so in einem halben Jahr und nebenbei macht. Desweiteren, will man den Ausführungen aus Cupertino glauben, wurden neben Leopard auch zahlreiche Anwendungen so optimiert, dass sie nun die inzwischen schon zum Standard gehörenden mehrkernigen CPUs auch mit mehreren Threads ausnutzen … wiederum bei völlig problemlosen Lauf auf Single-Core-CPUs.
Allein damit dürfte sich Apple schon ein extrem fruchtbares und breites Fundament für den weiteren Ausbau seines OS mit den nächsten Versionen gelegt haben.
Vergleicht man unter diesem Gesichtspunkt eine Aussage des großen Konkurrenten aus Redmont, welcher ungleich mehr Ressourcen an Entwicklern und Geld zur Verfügung haben dürfte, über die Herausforderungen an die Zukunft (siehe hier), dann war allein schon das eine immense Kraftanstrengung.

Nicht davon zu reden, dass parallel zur Entwicklung von Leopard auch noch am iPhone und AppleTV gearbeitet wurde.

Blickt man wiederum unter diesen neuen Gesichtpunkten auf das anstehende Release, so wird der Blick ungleich gnädiger und man ist gedünkt, es als einen Meilenstein in einer Reihe einer kontinuierlichen Entwicklung zu sehen, die nicht wie in Redmont aller 5-6 Jahre mit Hauruck-Aktionen versucht, etwas vollkommen neues auf den Markt zu schmeißen, sondern beständig und in kleinen Schritten (sowohl zeitlich als auch feature-mäßig) es ständig weiter verbessert, weiterentwickelt und neue Funktionen hinzufügt.
Das bedeutet zwar, dass das große Staunen oftmals auch ausbleiben wird, sich der User aber auch auf seine Grundlage und dessen solide Weiterentwicklung verlassen kann.

Randbemerkung 01:
Es wurden über 300 neue Funktionen in 10.5 integriert, heißt es auf Apple’s Heimatseite im Netz. Die meisten werden wohl, wie gesagt, kleine Verbesserungen sein, die erst im täglichen Gebrauch auffallen und man dann zu schätzen lernt … und natürlich jene unter der Haube.
Was ich bereits jetzt schon entdeckt habe, ist, dass Ruby (on Rails) und Python über die Scripting Bridge und XCode unterstützt werden. Ich weiß zwar noch nicht, ob ich mich jemals in diese Scriptsprachen einarbeiten werde, aber es ist doch erstmal schön, dass man sie gleich nativ auf seinem System vorfindet.
Desweiteren hat das Terminal App ein neues Userinterface bekommen und soll Tabs unterstützen.

Randbemerkung 02:
Safari für Windows. Damit dürfte sich Apple keinen Gefallen getan und sich bis auf die Knochen blamiert haben. Andauernde Crashes und, wie berichtet wurde, massive Sicherheitslücken! Selbst für eine Beta-Version (man möchte meinen: eher Alpha) ist das in diesem Ausmaß vollkommen unakzeptabel!
Aber diesen Umstand einmal aussen vor gelassen, gebe ich ihm auf Windows keine großen Chancen. Warum?
Safari wirbt mit einem deutlichen Geschwindigkeitsvorteil gegenüber dem IE und einem etwas kleineren gegenüber Firefox. Bzgl. Firefox ist dieser vernachlässigbar gering … und mit dem Wegfall desselben bietet Safari weiter keine Vorteile gegenüber etablierten Browsern auf Win. Im Gegenteil: da er nicht das systemimanente Design übernimmt, wirkt er, ähnlich Quicktime, wie ein absoluter Fremdkörper.
Firefox steht er schon allein in dem Umstand nach, dass er sich nicht durch dessen oder eigene zahlreiche Plugins erweitern lässt.
Zudem ist er ein proprietäres Closed Source Produkt, dem in jedem Fall, sofern qualitativ hochwertige Äquivalente aus der OpenSource-Community existieren, letztere stets vorzuziehen sind.
Zugegeben, das letzte ist ein reichlich ideologisches Argument, aber es ist eines für persönliche Freiheit (der Freiheit, sich selbst bei Bedarf das Programm entsprechend seinen eigenen Wünschen anzupassen oder umzuschreiben) und eines für die Freiheit der Wahl!

Update 13.06.07:
Wie Golem mit Bezug auf Wired.com meldet, läßt sich noch nicht einmal das Versprechen eines Geschwindigkeitsvorteils gegenüber Firefox und dem IE7 einlösen. In fast allen Benchmarks schnitt Safari schlechter ab, als die genannten Browser.

4 Kommentare zu “Apple WWDC 2007 - Einschätzung der Keynote und neuer Features in Mac OS X 10.5 Leopard”

  1. Daniel

    Beta ist wohl die Übertreibung des Jahres für diese Safari-Version. Mehr Alpha ist das nicht, keine getestete Seite wurde korrekt dargestellt. Apple hat sich hier ziemlichen Mist erlaubt und muss nun zu Recht massiv Kritik einstecken.

  2. excomax

    Moinsen Hirschi,

    bei dem Text muss ich dir fast vollständig rechtgeben. Was allerdings Safari unter Windows angeht, muss ich sagen, dass auf einem englischsprachigen Windows das Ding ganz okay läuft. Das Tempo ist in der Tat nicht berauschend und die Erweiterbarkeit kaum vorhanden, aber wenn man sich in Cupertino anstrengt, könnte es gar nicht so schlecht werden. Immerhin: Schon die ([pre-]alpha)beta besteht den Acid-2-Test. Firefox kann das bis heute nicht.

    Was 10.5 angeht: Am Anfang war ich auch etwas enttäuscht von der Präsentation, besonders Steve Jobs als solcher schien mir etwas neben der Kappe. Aber je öfter ich mir die Features so durchdenke, umso besser gefallen sie mir. Ich würde durchaus gern meine Hand auf eine Preview von Leopard legen ;) Was nicht sein muss, ist die transparente Menubar. Ich hoffe, die kann man auch auf nicht-transparent schalten. Der neue Finder hingegen (vorausgesetzt, er läuft stabil) gefällt mir wirklich gut. Deutlicher Gewinn gegenüber dem aktuellen Finder. Und natürlich iChat - bisher kaum genutzt von mir - macht große Fortschritte. Die Theatre-Funktion gefiel mir richtig gut. Die spiegelnde Dock - nun ja, netter Blickfang, muss aber nicht unbedingt sein. Allerdings sind Stacks der absolute Traum! Das ist eines der eher kleinen Features, auf die ich mich schon richtig freue. Dadurch wird die Usability auf jeden Fall dazugewinnen.

    Kurz und knapp kann ich sagen: Die Entscheidung steht bei mir fest. Es wird kein iMac, sondern ein MacBook Pro. Immer alles dabei, ausreichend großer Bildschirm und OS X, das mir sehr ans Herz gewachsen ist. Aber erst, wenn der Leopard freigelassen ist.

  3. industrie13

    Ein MacBook Pro? Aber du hast doch schon einen Schleppi von Apple ;).
    Aber andererseits kann ichs verstehen, sitze ja auch kaum noch am Schreibtisch, sondern vergehe mich in aller Vergnüglich- und Bequemlichkeit an meinem mobilen Rechenknecht, ohne mich örtlich irgendwie einschränken zu müssen.
    Deshalb hadere ich auch etwas … aber so ein 24″ iMac wäre einfach nur ideal fürs Pläne zeichnen in Archicad, 3D und Graphik allgemein, abgesehen davon, dass ich als alter Fernsehabstinenzler dann endlich einen wunderbar großen Bildschirm für mein DVB-T hätte *g*.

    Aber was den Leo angeht, schau ‘mer mal … schlechter als Tiger ist er definitiv schonmal nicht, im Gegenteil. Abgesehen von den Usability-Verbesserungen werde ich ja auch immer heißer auf den UNIX-Unterbau. Alle möglichen Scriptsprachen right out of the box, Terminal, Unix-Befehle … ich meine, Linux ist ja ganz gut, aber dort muss ich wiederum auf die ganzen guten Architektur- und Graphikproggies verzichten.
    Naja, und Safari … reden wir nochmal drüber, wenn er offiziell fertig ist. Denke aber trotzdem, dass ich meinem Open Source-Browser treu bleibe :).

  4. excomax

    Meinem Feuerfuchs bleibe ich auch treu. Dafür hab ich ihn mir schließlich auch bestens angepasst.

    Was das MacBook Pro/iMac angeht: Man kann immer noch einen externen Monitor anschließen. Ich hab mir letztens übrigens einen neuen 19″-Breitbildmonitor geholt und bin absolut begeistert. Bei Bedarf gingen da sicher auch größere Modelle. ;)

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